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Neue Perspektiven durch Folgelandschaften

Tagebaufolgelandschaften

Industriefolgelandschaften

Strategien der Landschaftsarchitektur in Folgelandschaften
Folgelandschaften



Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Industrialisierung viele, bis dahin in diesem Ausmaß kaum gekannte, einschneidende Veränderungen auch in der Landschaft mit sich. Seit Ende des 20. Jahrhunderts beraubt die Deindustrialisierung diese damals vereinnahmten Flächen plötzlich wieder ihrer Nutzung. Riesige Industriegebiete fielen mit einem Mal brach.
Was ist zu tun mit diesen freigewordenen Fabrikhallen, mit jenen unbeliebten Orten, mit den grauen Flecken auf dem Stadtplan? Haben sie nun die Chance Farbe zu bekennen?

Eigentlich waren diese Landschaften, die Tagebau und Industrialisierung hervorbrachten nicht geplant, aber dennoch sind sie existent als Folge realer Produktionsprozesse. Wenn jetzt ihre Nutzung wegfällt, bedeutet das nicht, dass diese einmal besetzten Flächen sofort und komplett verschwinden, sondern sie bleiben auch lange nach ihrer Schließung erhalten.

Ob großräumige Tagebaufolgelandschaften in der Lausitz oder zusammenhängend brachgefallene Industriegebiete im Saarland, im Ruhrgebiet oder in Sachsen, die Frage nach dem Umgang mit diesen Flächen, diesen neuen Landschaften und ihrer besonderen Geschichte eröffnete zugleich auch neue Perspektiven in der Stadtplanung, Architektur und Landschaftsarchitektur außerhalb der altbekannten Kategorien Verfall, Abriss oder Neubau.
Neue Ideen müssen her: Renaturierung der Folgelandschaften zu Luxuswohnparks, Naturschutzflächen oder Urlaubsregionen, Umbau der Fabrikgebäude zu Wohnungen, Läden, Ateliers oder Bühnen, Gestalten der Lagerflächen zu Parkanlagen, Erholungslandschaften oder Naturparks. All das werden erst die Anfänge sein.

Wichtig ist eine breite Diskussionen darüber, was erstrebenswert und machbar ist, um neue Konzepte und Ziele für diese Arten von Landschaften festlegen zu können.
Inhalt der Diskussion muss zwangsläufig wieder das Formulieren von Leitbildern von Landschaften und das Definieren und Bewerten von Kulturlandschaft sein. Die Frage nach der Authentizität neugestalteter Landschaften wirft auch die Frage nach der Authentizität "natürlicher Kulturlandschaft" auf, denn viele "entdecken Natur in bestimmten Landschaftsformen, die sich dann aber gar nicht statisch zeigen, sondern höchst dynamisch, als Menschenwerk". (Anne Cauquelin, In: Topos 47/2004, S.31...37)
Bekannte Beispiele für innovativ geplante Folgelandschaften sind die IBA Emscher-Park und die IBA Fürst-Pückler-Land.


Tagebaufolgelandschaften

Der "Braunkohletagebau hat [...] in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen die größten Veränderungen der Erdoberfläche seit der Eiszeit vorgenommen [...]. Die ausgeräumten Tagebaue sollen ebenso wie die noch betriebenen Braunkohlefördergebiete zu blühenden Freizeitlandschaften werden. In einigen Jahren werden die größten Landschaftsbaustellen Europas in Wanderkarten zu finden sein, als neue Seengebiete. [...] In dieser Veränderung liegt eine der vielen Chancen der Landschaftsarchitektur zu Beginn des 21. Jahrhunderts." (In: Neu Verorten, Thies Schröder, (Hrsg.), 2002)

Ein gern zitiertes Beispiele einer Tagebaufolgelandschaft ist, da in dieser Größenordnung einmalig, die Lausitz. 80 Orte und Dörfer mit ungefähr 40.000 Menschen mussten dem Braunkohleabbau bis 1990 weichen. Nach der Schließung der Braunkohletagebaue seit 1990 fand und findet noch immer eine umfassende "Sanierung" der Landschaft statt. (Rolf Kuhn, In: Topos 47/2004, S.61...69) Seitdem wurde über 80.000 Hektar Land von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) saniert, also für die Forst-, die Landwirtschaft, den Naturschutz oder die Erholung nutzbar gemacht. (Rolf Kuhn, Ebd.)

Geo- und biologische Folgen des Tagebaus in der Lausitz sind ein gestörter Wasserhaushalt bei dem saures Grundwasser an die Erdoberfläche austritt, ein pH-Wert des Bodens von 2 bis 3 (extrem sauer), eine von abrutschenden Böschungen ausgehende Lebensgefährdung und die Existenz von 245 Altlastenverdachtsflächen. (Friedrich von Bismarck, Fachkonferenz: Inwertsetzung von Kulturlandschaft, 2004)
Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind über 100 aufgegebene Industriestandorte, cirka 120.000 verschwundene Arbeitsplätze (im Oktober 2004 lag die Arbeitslosenquote in der Region Lausitz weiterhin stabil bei über 20%) und eine generell dramatische ökonomische Grundsituation. (Friedrich von Bismarck, Ebd.)

Zu Beginn der Planungen für die vom Braunkohletagebau zerfressene Lausitzer Landschaft existierten zwei unterschiedliche Zukunftsszenarien beziehungsweise Leitbilder.
Das erste Szenario sah vor, die ehemals vor dem Braunkohleabbau bestehende Landschaft, nach dem Leitbild einer sanften Seenlandschaft à la Mecklenburg-Vorpommern wieder herzustellen. Dieser Seenlandschaft sollte man dank umfassender Rekultivierungs- und Sanierungsmaßnahmen ihre industrielle Vergangenheit nicht mehr ansehen müssen. Das Manko dieses Leitbildes lag aber darin, die geschichtsträchtige und zernarbte Lausitzer Landschaft mit einer geschichtslosen und monotonen Landschaft zu überformen.

Das zweite Szenario ging von der Faszination aus, welche von der Mondlandschaft der ehemaligen Braunkohletagebaue ausging, so dass nicht ein perfektes Renaturieren, sondern vielmehr ein Respektieren der Geschichte des Ortes das Ziel war.
Dieses Szenario sah also vor, die Landschaft der Lausitz genauso, wie sie direkt nach der Schließung der Tagebaue existierte, zu erhalten ohne jegliche Rekultivierungs- und Sanierungsmaßnahmen. Aufgrund der von den ungesicherten Böschungen ausgehenden Lebensgefährdung war dieses Szenario so aber nicht umsetzbar.
Da es sich trotzdem bei den Leuten nach und nach durchsetzte, schlug man einen dritten Weg ein. Dieser entsprach einer Kombination von Industriekultur und Industrienatur. Er beinhaltete die Beseitigung der Lebensgefährdung, welche von den ungesicherten Tagebauen ausging und berücksichtigte dennoch die industrielle Vergangenheit der einmaligen Lausitzer Landschaft.
Somit wurde für die "größte Landschaftsbaustelle Europas" ein neuer Flächennutzungsplan, angepasst an die Bedürfnisse und Machbarkeiten, aufgestellt, in welchem die Nutzungen von Flächen quantitativ festlegt worden. Dieser sieht vor cirka 280 Quadratkilometer neue Wasserflächen entstehen zu lassen, so dass in Deutschland zukünftig 25% mehr Binnenseen existieren werden. (Friedrich von Bismarck, Ebd.) Ebenso steigt in ihm die Anzahl der Flächen für die Forstwirtschaft und den Naturschutz an.

Die Lausitz wird zu einer neuen Erholungs- und Naturlandschaft Deutschlands werden.
Die durch die Flutung entstehenden Seengebiete können in der strukturarmen Lausitz neue, attraktive Landschaften mit Freizeitparks, Erholungsgebieten und Wohnsiedlungen mit neuen Wohnformen (schwimmende Häuser) entstehen lassen.

Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land sollen in der Lausitz unter dem Thema "Landschaft" in einem auf 10 Jahre beschränktem Zeitraum von 2000 bis 2010 ein neuer Typus von Kulturlandschaft entstehen.
Der Wirkungszeitraum der IBA von 10 bis 15 Jahren gibt den Leuten vor Ort zwar wenig Perspektiven, da jene nicht erst in 10 Jahren, sondern sofort Arbeit und Geld brauchen. Um trotzdem Interesse an der IBA und der Lausitz wecken und um lausitztypische Landschaften und neue Potentiale und Leitbilder finden zu können, versucht man die Lausitz und ihre "Mondlandschaft" neu zu bewerten und zu inszenieren. Man will der Lausitz eine neue, zukunftsträchtige Identität und den Leuten vor Ort neue Perspektiven geben. (Brigitte Scholz, Fachkonferenz: Inwertsetzung von Kulturlandschaft, 2004)
Dennoch muss man einschränken, dass, obwohl die Integration der Tagebaufolgelandschaft in die Kulturlandschaft gut gelungen ist, die hohe Arbeitslosenquote in der Lausitz vorerst weiter bestehen bleiben wird.


Industriefolgelandschaften

Durch die Deindustrialisierung wurden ehemals bedeutende Industriegebiete plötzlich nicht mehr benötigt. Sie wurden abgebaut oder verfielen. Diese Umbrüche in der Industrie wirkten sich nicht nur massiv auf das architektonische oder städtebauliche Gefüge einer Stadt aus, sondern auch auf deren gesellschaftliches und wirtschaftliches, wie Arbeitslosigkeit und Verschuldung.

Jene Industriegebiete, vormals "blinde Flecken", können nach ihrer Schließung endlich auch Farbe bekennen, indem man die Chancen begreift, welche sie einem bieten, um die sozialen, ökonomischen und städtebaulichen Probleme einer Stadt zu lösen.
Das Investieren in Industriefolgelandschaften rückt diese näher in das Bewusstsein der Anwohner und kann ungeahnte Potentiale ans Licht bringen.
Als Beispiele seien der Aus- und Umbau von Maschinenhallen zu Loftwohnungen, von Lagerflächen zu Skaterstrecken, vom Todesstreifen in Berlin zum Mauerpark und der Hüttenwerke in Duisburg zum Landschaftspark Duisburg-Nord genannt.

Der Landschaftspark Duisburg-Nord entstand, ebenso wie der Westpark Bochum und viele andere Parkanlagen im nördlichen Ruhrgebiet, im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, welche in einem auf 10 Jahre beschränktem Zeitraum von 1989 bis 1999 auf einer Fläche von rund 800 Quadratkilometern stattfand.
Die Aufgabe dieser IBA war, mit vielen Partnern und auf einer breiten Basis, die ökologische und städtebauliche Erneuerung des früheren "Hinterhofs des Ruhrgebiets".
In den 10 Jahren der IBA wurden rund 120 Projekte in sechs zentralen Arbeitsbereichen entwickelt und realisiert, wobei ein wichtiges Leitprojekt die Schaffung des Emscher Landschaftsparks war, wo auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern die Landschaft wiederhergestellt und geschützt, Grünflächen miteinander verbunden und vor allem ruhrgebietstypische Grenzen, wie Industrieflächen, Abwasserkanäle und Verkehrstrassen überwunden wurden.


Strategien der Landschaftsarchitektur in Folgelandschaften

Die Gesellschaft, die Wirtschaft und auch die Landschaft befinden sich in einem ständigen Transformationsprozess. Gelingt es der Landschaftsarchitektur die laufenden Veränderungen der Landschaft gezielt zu nutzen, ergeben sich verstärkt Chancen gestaltend eingreifen zu können.

Für die Lausitz würde das bedeuten, die vorhandene "lausitztypische Mondlandschaft" so zu inszenieren und zu nutzen, das dabei Interessen geweckt und Potentiale aufgedeckt werden. Erst indem man auf die Vergangenheit eines Ortes eingeht, kann man für diesen eine Identität erschaffen. (Brigitte Scholz, Ebd.)

Die gegenwärtige Suche nach Leitbildern, Visionen und Definitionen wirft die Frage nach deren Qualitäten auf, denn die "Neuerfindungen der Landschaft" kann nicht "mehr auf allgemein akzeptierte Inhalte und selbstverständlich bestehende Vorbilder" (In: Neu Verorten, Thies Schröder, (Hrsg.), 2002) setzen, sondern eher auf traditionelle Wunschvorstellungen oder auf eine bereits festgelegte Sicht. Leitbilder und Visionen müssen aber immer am Anfang von Planungen für Landschaften stehen, was die Planende, die Behörden sowie die Bewohner in einer unklaren Lage aufwendiger Definitionszwängen setzt, welche aber Bedingung für die Neuerfindung der Landschaft sind (In: Neu Verorten, Ebd.).

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siehe auch:

www.iba-fuerst-pueckler-land.de (IBA Fürst Pückler Land)

www.ferropolis-online.de (Ferropolis - die Stadt aus Eisen)

www.iba.nrw.de (IBA Emscher Park)



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