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Leere oder Luxus? - Schrumpfungsprozeße in der Stadtentwicklung

Schrumpfende Städte als globales Phänomen

Schrumpfende Städte in Deutschland

Strategien der Landschaftsarchitektur in schrumpfenden Städten
Schrumpfungsprozeße in der Stadtentwicklung



Verantwortlich für die Schrumpfungsprozeße in Städten ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, welche unterschiedlichste Veränderungen in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Landschaft mit sich brachten. Diese, durch Globalisierung, Individualisierung, Suburbanisierung und Deindustrialisierung herbeigeführten, Veränderungen äusserten sich in höheren Lebensansprüchen, in besseren wirtschaftlichen Lagen und in gestiegener Mobilität, was unter anderem zu dem Bauboom auf der "grünen Wiese" führte. Der stetige Wachstum der Stadtrandgebiete zersiedelte nicht nur die angrenzende Landschaft, sondern er förderte auch den Verfall der Innenstädte. Die einstigen Innenstadtbewohner wohnten im neuen Eigenheim im Umland und nicht mehr im zentrumsnahen Mietshaus.
Hinzu kam in ehemals von Großindustrie geprägten Gebieten meist auch der komplette Zusammenfall der Industrie aufgrund von Rationalisierung, Technisierung und Standortverlagerung.

Besonders radikal war der fast völlige Zusammenbruch der Wirtschaft in Ostdeutschland innerhalb sehr kurzer Zeit. Das erhöhte die Arbeitslosigkeit wie auch die Perspektivlosigkeit extrem. Es kam zur Abwanderung nahezu ganzer Generationen, wodurch bald gesamte Stadtteile und Städte nicht mehr gebraucht wurden und verfielen.
Ebenso waren dort die bereits zu DDR-Zeiten dringend notwendigen Sanierungen vornehmlich gründerzeitlicher Stadtgebiete aufgrund Geldmangels verschleppt und stattdessen in weniger aufwendige Neubauprojekte am Stadtrand investiert wurden.
Nach dem Mauerfall waren dann nicht nur die Gründerzeitgebiete sondern auch diese Neubaugebiete dringend sanierungsbedürftig. Das führte in Ostdeutschland zu einer weiteren Verschärfung der Gesamtsituation.

Der Abriß, euphemistisch Rückbau genannt, wurde plötzlich ein legitimes planerisches Instrument - aber nicht ohne Widerspruch. Der Abriß von Gebäuden und Infrastrukturen bedeutet finanzielle Verluste für die Eigentümer, Wohnungsgenossenschaften und die Gemeinde. Es bedeutet die Entstehung von Brachflächen mitten in der Stadt, die Zerstörung städtischer Strukturen, historischer Zusammenhänge und sozialer Netzwerke. Kurzum: Der Abriß birgt die Gefahr die Lebensqualität in den betreffenden Stadtteilen zu mindern statt zu erhöhen.
Dort ist genau der Punkt, wo Landschaftsarchitektur ansetzen muss. Es gilt die Potentiale der durch Abriß neu geschaffenen Flächen über eine sensible, qualitätsvolle und innovative Landschaftsarchitektur herauszuarbeiten und zu stärken.
Im Städtebau und der Landschaftsarchitektur ist man gegenwärtig bemüht neue Leitbilder für diese perforierten Städte zu finden, da eine geringere städtebauliche Dichte den Verlust von Urbanität und des baulichen Zusammenhangs der Stadt mit sich bringt.

Durch den Rückgang von Bevölkerung und Bausubstanz gehen auch die Steuereinnahmen und Investitionen zurück, so dass die Gemeinden sich in einer immer schlechteren wirtschaftlichen Lage befinden. Leider benötigen sie aber gerade dann dringend Geld, um in die Lebensqualität ihrer Stadt investieren zu können.
Die Bundesregierung hatte dieses Problem erkannt und verabschiedete daher das Programm "Stadtumbau Ost" und nachfolgend das Programm "Stadtumbau West", welche die Städte unterstützen sollen, planerische und finanzielle Lösungen für die genannten Probleme zu finden.

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass Stagnation oder Rückgang für die Stadtentwicklung keine neuen Phänomene sind, da Städte aufgrund ihrer Eigendynamik schon immer einem ständigen Wandel unterworfen waren.
Die entscheidende Frage ist aber, ob Schrumpfung den Luxus an Leere oder nur ein Zuviel an Raum bedeutet - ob es von Vorteil oder Nachteil ist, soviel Fläche zu haben.


Schrumpfende Städte als globales Phänomen

Schrumpfende Städte gibt es nicht nur in Deutschland sondern auch in England, in Russland, in den USA und sogar in China.
In Osteuropa (Russland, Ukraine und Kasachstan) treten schon seit 1990 verstärkt schrumpfende Städte auf. Zwischen 1950 und 2000 hat es zudem überdurchschnittlich viele schrumpfende Städte in Südafrika und Japan gegeben. Die meisten schrumpfenden Städte entstanden aber vor allem in letzter Zeit in den westlichen Industrieländern, wie den USA, Großbritannien, Deutschland und Italien. Bekannte Beispiele für radikale Transformation sind Städte, wie Glasgow und Manchester in Großbritannien oder Detroit und Pittsburg in den USA. Die Schwerpunkte der Schrumpfungsprozeße liegen weiterhin in Europa und den USA. Dieser Trend wird sich verstärken, da vor allem in Europa der Rückgang der Bevölkerung anhalten wird, so dass in 35 Jahren nur noch 10% der Weltbevölkerung in der so genannten westlichen Welt leben werden. (www.shrinkingcities.com)


Schrumpfende Städte in Deutschland

In Deutschland sind Schrumpfung und Wachstum der Städte, der Bevölkerung und der Wirtschaft immer noch ungleich verteilt. Die Schrumpfungsprozeße treten überwiegend im Osten Deutschlands auf, und nur vereinzelt in Regionen im Westen wie dem Ruhrgebiet oder der Region Braunschweig/Salzgitter/Wolfsburg.
"Während im Westen nur 2,6% aller Städte und Gemeinden (betroffene Bevölkerung lediglich 0,6%) stärker mit Schrumpfungsproblemen konfrontiert sind, sind es im Osten [...] 54% aller Städte und Gemeinden mit einem Bevölkerungsanteil von knapp 39%. Besonders von Schrumpfung betroffen im Osten sind Mittel- und Kleinstädte [...] Dagegen ist im Westen - von Ausnahmen wie dem Ruhrgebiet, dem Saarland oder Oberfranken abgesehen - Schrumpfung i.d.R. ein singuläres, lokales Problem." (Hans-Peter Gatzweiler/ Katrin Meyer / Antonia Milber, In: Informationen zur Raumentwickl. 10+11/2003, S. V)

Trotz, dass sich die Gemeinden und Planer zunehmend mit Schrumpfung auseinandersetzen müssen, wird Wachstum immer noch als Gradmesser für erfolgreiche Politik herangezogen. Daher wachsen die Städte an ihren Rändern immer weiter und verwischen so mehr und mehr die Grenzen zum Umland. Da heißt es für die Planung gegenzusteuern und eine doppelte Innenentwicklung zu initiiert und die Stadt und ihre Freiräume Innen und Außen aufzuwerten.
Die Chancen dieses Umbruchs zu sehen, könnte gelingen, indem man versucht neue Leitbilder zu formulieren, wie "weniger ist mehr". Es fragt sich dabei aber, wieviel weniger wirklich mehr ist, also wieviel weniger eine Stadt vertragen kann, oder ab wann die "perforierte Stadt" zu zerreißen droht? (Didier Vancutsem / Peter Zlonicky, In: Topos 38/2002, S. 82...87)


Programm Stadtumbau Ost

Im November 2000 stellte die Expertenkommission "Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Ländern" einen Leerstand von über 1 Million Wohnungen fest. (Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW), Dokumentation zum Bundeswettbewerb "Stadtumbau Ost", S. 8) Wesentliche Ursachen waren die, durch den Geburtenrückgang und die Abwanderung der Einwohner in andere Regionen oder ins Stadtumland, rückläufigen Einwohnerzahlen sowie veränderte Wohnansprüche.
Die Bundesregierung reagierte auf diese Entwicklung indem sie im Herbst 2001 den Bundeswettbewerb "Stadtumbau Ost - für lebenswerte Städte und attraktives Wohnen" ausschrieb.
Ziel des Wettbewerbs war es, angesichts der hohen Wohnungsleerstände in den neuen Ländern, dass die 269 teilnehmenden Kommunen und Stadtteile integrierte Stadtentwicklungskonzepte (ISEK) erarbeiten, welche die Voraussetzung für die Teilnahme am Programm "Stadtumbau Ost" waren. (BMVBW, Ebd.) Die Teilnehmer erhielten abhängig von ihrer Gemeindegröße eine Förderung in Hööhe von bis zu 125.000 Euro zur Erstellung ihres integrierten Stadtentwicklungskonzeptes, wobei 34 Kommunen auch für ihre beispielhaften Stadtumbaukonzepte prämiert wurden. (BMVBW, Ebd.)
Dieser Wettbewerb war Teil des Programms"Stadtumbau Ost", in dessen Rahmen von 2002 bis 2009 2,7 Milliarden Euro zur Umsetzung der Stadtentwicklungskonzepte bereit standen.
Ziel des Programms "Stadtumbau Ost" ist die Reduzierung des überschüssigen Wohnraums und die Steigerung der Attraktivität der Städte. (www.stadtumbau-ost.info)


Programm Stadtumbau West

Die Entwicklung der Städte und Gemeinden in Westdeutschland ist nicht mehr durchgängig nur von Wachstum bestimmt, sondern zunehmend auch von Stagnations- und Schrumpfungsprozeßen. So stellt man sich inzwischen auch in Westdeutschland der Frage, wie durch eine zukunftsbeständige Stadtentwicklung ein Wechsel vom "gesteuerten Wachstum" auf "geordneten Rückzug" kommuniziert und umgesetzt werden kann.
2002 startete daher das Programm "Stadtumbau West" mit der Auswahl von elf westdeutschen Pilotstädten im Rahmen des Forschungsprogramms "Experimenteller Wohnungs- und Städtebau". (Evi Goderbauer/ Martin Karsten: In: Informationen zur Raumentwicklung 10+11/2003, S. X)

Der Erfolg und die Akzeptanz vom Stadtumbau unter Schrumpfungsprozeßen sind abhängig davon, dass der Wandel nicht als Verlust, sondern als Gewinn von Lebensqualität und örtlicher Attraktivität vermittelt und erkannt wird.
Wichtig ist, dass die völlig neuen, noch unbekannten Aufgaben und Maßnahmen im Städtebau vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen erfolgen, da umfassende Konzepte und Strategien statt punktueller Eingriffe gefragt sind. (www.stadtumbauwest.de)


Strategien der Landschaftsarchitektur in schrumpfenden Städten

Der Trend der Stadtentwicklung in Europa und Nordamerika geht nicht hin zu einer kompletten Schrumpfung der Städte sondern eher zu deren Fragmentarisierung und Perforierung. Stadtzentren dünnen aus und der Stadtrand wächst. Auch findet eine Spezialisierung der Räume statt: Anstelle von Nutzungsmischung in der Stadt erfolgt eine Funktionstrennung, die auch eine soziale Entmischung der Städte mit sich bringen kann.

Daher ist mehr denn je ein flexibler Städtebau gefordert, der neben Abriß und Neubau mit den Kategorien Umnutzung, Zwischennutzung und Brachliegen umgehen und städtische Strukturen rechtzeitig an neue Anforderungen anpassen kann.
Neben dem Umdenken, weg vom Wachstum hin zur Schrumpfung, muss eine Suche nach neuen Leitbilder einsetzen, denn neue Fragestellungen bedürfen neuer Antworten.
Diesen Forderungen nach Flexibilität und neuen Leitbildern im Städtebau der Zukunft dürfte es eher der Landschaftsarchitektur gelingen nachzukommen, als wie der, bisher im Städtebau stärker vertretenen, starren und meist nur punktuell eingreifenden Architektur.

Es sind weitgreifende Stadtentwicklungskonzepte gefordert, in denen ein bewusster Umgang mit Ressourcen über eine Vielzahl kleiner Projekte und lokaler Maßnahmen angestrebt wird, die in gesamtstädtische Strategie eingebettet sind, denn gerade "knapper werdende Ressourcen verlangen nach einem Konzept, das den großen Bogen spannt vom detaillierten Einzelobjekt bis hin zu interkommunalen Kooperationsformen". (www.stadtumbauwest.de)

Es gibt zwar kein Patentrezept, wie der Stadtumbau in schrumpfenden Städten auszusehen hat, aber man kann grundsätzlich in folgende städtebauliche Strategien unterscheiden (www.stadtumbauwest.de):

  • Weiternutzung durch Anpassung (Modernisierung)
  • Wiedernutzung durch Neubau oder Nachverdichtung (Nutzungswandel)
  • Umnutzung (Nutzungsänderung)
  • "Konservieren" (offene Nutzungsoptionen)
  • "Renaturierung" (kreislauforientierte Flächennutzung)


Es gibt "keine allgemeine Lösung zum Umgang mit freien Flächen beim Schrumpfen", außer das sie grundsätzlich immer eine Chance sind und es zu erfassen gilt, "in welchem Kontext sie stehen und welche Freiraumfunktionen sie aufnehmen müssen." (Heike Roos, Landschaft - nichts als Landschaft, DASL Jahrestagung 2004)
Folgende landschaftsarchitektonische Maßnahmen können bei der Gestaltung schrumpfender Städte angewendet werden (Heike Roos, Ebd.):
  • Lückenbegrünung
  • Herstellung / Stärkung von Grünzügen im Zusammenhang mit Siedlungen
  • Neuanlage von Wald, Grünland, Wiese etc.
  • Zulassen von echten Brachen / Zulassen der Sukzession
  • die Landschaft in die Stadt "hineinlassen"

Neben der Entwicklung neuer Grün- und Freiflächentypen ist es besonders wichtig, dass diese in Bau und Pflege "kostengünstig und gleichzeitig offen für wechselnde Nutzungen" sind. Deren "Bausteine sind allerdings letztlich bekannt: Es geht vor allem um Brache, Sukzession, Wildnis, Wald, Mietergärten und Spontangärten."" (Jörg Dettmar, In: Event Landschaft?, 2003, S. 42) Das große Problem beim Arbeiten mit diesen "Bausteinen" und Ansätzen aber ist, dass ihnen leider eine nachprüfbare Gestalt sowie wahrscheinlich auch Akzeptanz weitgehend fehlt. (Jörg Dettmar, Ebd.)

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siehe auch:

www.schrumpfende-stadt.de (schrumpfende Städte in Deutschland)

www.nichtmehrnochnicht.de (Dokumentarfilm zum Stadtumbau)

www.iba-stadtumbau.de (IBA Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010)

www.bauhaus-dessau.de (IBA-Büro Stadtumbau 2010 im Bauhaus Dessau)

www.luxus-der-leere.de (Buch zum Thema Schrumpfung: "Luxus der Leere" von Wolfgang Kil)

www.ioer.de (Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung)

www.irs-net.de (Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung)

www.dasl.de (Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung)

www.buero-hoppe.de/demografie-sportplatz.htm (Büro Hoppe, Sportstättenbau im demografischen Wandel)



Schrumpfungsprozeße in der Stadtentwicklung


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